In den ersten 2 Februarwochen 2010 hielt sich unser Vorstandsmitglied Dr. med. Dirk Englisch dienstlich im Erdbebengebiet in Port au Prince (PaP) auf und konnte hierbei auch in einem neu errichteten Gesundheitszentrum in der Stadt mithelfen:
Er führte bei Patienten mit unklaren Bauchbeschwerden Ultraschalluntersuchungen durch, um sie einer weiteren effizienten Therapie zuführen zu können.
Was war geschehen?
Am 12.01.2010 um 16.53h Ortszeit ereignete sich in Haiti, im Westteil der karibischen Insel Hispaniola, ein Erdbeben der Stärke 7,0 mit seinem Epizentrum bei der Ortschaft Coupeau (25 km SW der Hauptstadt Port au Prince). Nachbeben werden bis heute festgestellt, wobei Stärken von kurzfristig bis zu 6,2 gemessen wurden. Am stärksten betroffen waren in Haiti die Regionen Ouest, Sud-Est und Nippes (Halbinsel Tiburon).
Die Küstenstadt Leogane ist mit 80-90% Zerstörung die am meisten betroffene Stadt des Landes. Auch in der Dominikanischen Republik war das Erdbeben zu spüren, richtete aber dort keine großen Schäden an. In PaP, mit einer Population von 2 Mio. im gesamten Ballungsraum, kam es zu massiven Zerstörungen.
Weitgehend zerstört wurden die meisten Ministerien, der 1912 erbaute historische Präsidentenpalast, das Luxushotel Mon-tuno, das HQ der UN-Friedenstruppen (Christopher Hotel), fast alle Krankenhäu-ser der Stadt und die Kathedrale Notre-Dame de L’Assomption.
Tausende von Wohnungen u. Privathäusern, z.T. bautechnisch regelwidrig gebaut, sowie zahlreiche Slum Wohnstätten – besonders in Hanglage – wurden ebenfalls vernichtet. Auch die technische Infrastruktur, Strom-versorgung, zu Anfang das Telefon- und Mobilfunknetz wurden größtenteils außer Funktion gesetzt. Große, explosive Tanklager am Hafen blieben glücklicherweise unbeschädigt.
Folge dieser Katastrophe war ein Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung des ohne hin schon politisch instabilen Landes, insuffiziente Ersthelfer- und Rettungsmaßnahmen und ein de facto Erliegen der privaten und staatlichen Gesundheitsversorgung.
Unmittelbar nach dem Erdbeben liefen Hilfsmaßnahmen für die betroffene Bevölkerung an. Ein „Joint Operations Task Center“ (JOTC) koordiniert mittlerweile die internationale Hilfe zwischen Haiti-Regierung, MINUSTAH, US & CDN Truppen sowie UN Cluster/NGO. 900 Hilfsorganisationen sind mittlerweile vor Ort aktiv.
Wie ist die Situation der Menschen vor Ort?
Durch politische Instabilität, Korruption, Nepotismus sowie die Umstellung der Landwirtschaft von der Deckung des eigenen Bedarfs auf Exporte in die USA und später in den NAFTA-Raum, hat sich Haiti zum ärmsten Land der westlichen Hemisphäre entwickelt:
Das jährliche Pro-Kopf-Einkommen lag 2007 bei ca. 600 US$. Etwa 80 % der Haitianer müssen von weniger als 2 US$ am Tag leben. Dies hat selbstredend auch negative Folgen für den Gesundheitssektor.
Durch die Folgen des Erdbebens sind nach den aktuell vorliegenden Regierungsschätzungen insgesamt ca. 3 Mio. Personen direkt betroffen. Mindestens 230.000 Menschen kamen ums Leben, 300.000 Personen wurden verletzt und über 1 Mio. Personen wurden obdachlos. 1234 Schulen wurden komplett zerstört.
20 Mio. m3 Trümmerschutt müssen alleine in PaP beseitigt werden, wozu 35.000 Personen angestellt wurden („cash for work“-Programme). 1 Mio. Haitianer wurden, bei landesweit weiter steigenden Nahrungsmittelpreisen, bereits durch das World Food Program WFP/PAM mit Nahrungsmitteln versorgt und 338.000 Menschen erhielten spezielle 2-Wochen-Rationen. 5.000 weitere Personen müssen noch in geeigneten Unterkünften versorgt werden und Wasser & Hygiene stellen nun zunehmend prioritäre Hilfsziele dar.
Ein Manko stellt die unzureichende Registrierung der IDPs dar. Verlässliche Daten über ökonomische und gesundheitliche Bedürfnisse sind so schwer zu erhalten.
Da neben der Unterbringung der Menschen in Zeltstätten ein großer Bevölkerungsanteil durch PaP und weite Teile des Landes umherzieht, werden nun Möglichkeiten zu ihrer Versorgung durch mobile Kliniken und mobile Küchen ins Auge gefasst. Darüber hinaus hat UNICEF bislang 171 sog. Child Protektion Kits (Kleidung, Bettzeug, Essen) für insgesamt 3.362 Kinder ausgegeben.
Die Sicherheitslage – ohnehin traditionell äußerst kritisch in Haiti – ist weiterhin ruhig, aber angespannt. Menschliche Verluste im Polizeiapparat wurden durch vormals aus Disziplinargründen suspendierten Kollegen ersetzt, und ca. 5.000 Strafgefangene konnten aus den zerstörten Gefängnissen fliehen, von denen bislang gerade 50 wieder dingfest gemacht werden konnten. Trotz vermehrter Polizei Patrouillen nehmen daher Bandenkämpfe und Überfälle, Autodiebstähle, Raubüberfälle („shop-raiding“), aber auch Vergewaltigungen in Flüchtlingslagern, weiter zu.
Im Gesundheitsbereich ist nun die akute Notfallphase vorüber und wir befinden uns in der Post-Emergency Phase. Dies zeigt sich in der Tatsache, dass in den Krankenhäusern Trauma-Fälle deutlich abnehmen und nun mehr und mehr Patienten mit älteren allgemeinen, insbes. operationspflichtigen Erkrankungen, zudem schlecht versorgten Amputationsstümpfen, infizierten OP-Wunden, nekrotischen Hautarealen unter zirkulären Gipsen, etc. vorstellig werden. 2.000-4.000 Amputierte warten allein in PaP, nach Schätzungen von Handicap International, auf rehabilitative Maßnahmen. Weiter steigt erwartungsgemäß die Zahl von Durchfallerkrankungen, Meningitis, ARI. Die Zahl der Tetanusfälle steigt ebenfalls weiter an. Eine Impfkampagne wurde daher zwischenzeitlich gestartet.
Internationale Organisationen sind weiterhin vor Ort und in verschiedenen Nothilfebereichen aktiv. Es wird noch Jahre dauern, bis in Haiti in Ansätzen die Schäden beseitigt und ein halbwegs normales Leben wieder möglich sein wird. TULISA ist glücklich durch direkte ärztliche Hilfe hierbei ein kleines Stück weit mitgeholfen zu haben.